Bergab gehen - die unterschätzte Disziplin

Viele Wanderer kennen das Gefühl: Der Gipfel ist erreicht, die Aussicht atemberaubend, der Stolz groß – und dann wartet der Abstieg. Was nach Erholung klingt, entpuppt sich oft als größte Herausforderung des Tages.

Denn bergab wird nicht nur die Kondition, sondern vor allem unsere Gelenke geprüft. Bei jedem Schritt bergab wirken enorme Kräfte auf Knie- und Hüftgelenke. Vor allem wer zu schnellen, großen Schritten neigt oder das Körpergewicht unkontrolliert „fallen lässt“, vergrößert die Belastung.

Die wichtigste Regel lautet daher: kürzere Schritte, aufrechter Oberkörper, bewusstes Abrollen. So verteilt sich die Kraft gleichmäßiger und die Gelenke danken es. Eine wertvolle Unterstützung sind Wanderstöcke. Richtig eingesetzt verlagern sie bis zu 30 Prozent der auftretenden Kräfte, entlasten die Knie und geben zusätzlich Halt auf rutschigem Untergrund.

Wichtig: Die Stocklänge bergab etwas länger einstellen, Arme nicht durchstrecken, sondern federnd einsetzen. Entscheidend sind auch die Schuhe. Viele schwören auf hohe Bergschuhe wegen ihrer Stabilität im Gelände. Doch gerade beim Bergabgehen können Halbschuhe Vorteile haben: Sie erlauben dem Sprunggelenk eine größere Beweglichkeit und dies wirkt sich günstig auf die Kniebelastung aus.

Manchmal ist der klügste Abstieg jedoch keiner. Wer anfällig für Knieprobleme ist, sollte überlegen, den Berg zu Fuß zu erklimmen – was für Gelenke viel schonender ist – und anschließend die Bergbahn nach unten zu nehmen. Bergauf wird der Kreislauf gefordert, bergab dagegen die Gelenke. Dieses Prinzip erklärt auch, warum viele Bergfans lieber den Lift für den Rückweg nutzen, statt den Schmerz zu riskieren.

Bergab gehen ist also keine banale Nebensache, sondern eine Disziplin mit Technik. Wer bewusst geht, auf seinen Körper hört und Hilfsmittel nicht scheut, verwandelt den Abstieg von einer mühsamen Etappe in einen souveränen Abschluss der Tour.

Denn am Ende gilt: Der Gipfelerfolg zählt erst, wenn man heil im Tal ankommt

  • Schwameder H et al. (1999). Knee joint forces during downhill walking with hiking poles. Journal of Sports Sciences. Wanderstöcke reduzierten gemessene Kniebelastungen um etwa 12–25 %. PubMed · DOI
  • Bohne M, Abendroth-Smith J (2007). Effects of hiking downhill using trekking poles while carrying external loads. Medicine & Science in Sports & Exercise. Geringere Gelenkmomente und Leistungsaufnahme an Knie, Hüfte und Sprunggelenk mit Stöcken. PubMed · DOI
  • Kuster M et al. (2001). Kinematic and kinetic comparison of downhill and level walking. Beim Bergabgehen waren Kniegelenksmomente und negative Muskelarbeit deutlich höher als beim Gehen in der Ebene. PubMed
  • Montgomery JR, Grabowski AM (2018). Contributions of ankle, knee and hip joint work during uphill and downhill walking. Royal Society Open Science. Beschreibt die verstärkte bremsende, exzentrische Arbeit insbesondere am Knie. PubMed · DOI
  • Bleuel J et al. (2024). Abnormal gait pattern in downhill hiking is related to knee-flexor and -extensor deficits after knee arthroplasty. Clinical Biomechanics. Unterstützt die Bedeutung ausreichender Quadrizeps- und Hamstringkraft. PubMed · DOI
  • Haghighat F et al. (2024). How boots affect lower-limb biomechanics compared with casual footwear. Scientific Reports. Hohe Schuhe veränderten unter anderem Knieadduktionsmoment und Kniearbeit. Die Studie untersuchte jedoch kein Bergabgehen. PubMed · DOI
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